Aktivismus & Journalismus: Kann das gut gehen?

Wie letzte Woche schon angekündigt, berichte ich auch diese Woche weiter über die nr-Jahreskonferenz 2017 und deren spannenden Themen. Wer sich nun denkt „Boah Meli, deine Tinder-Stories und Beauty-Tipps waren viel lustiger“: Ja, kann sein. Derzeit ist mir aber nach ernsteren Themen zu Mute. Ebenfalls muss ich kurz vorwegnehmen, dass alle Eindrücke und Meinungen natürlich subjektiv sind. Alles, was ihr in den nächsten Wochen lesen werdet, basiert auf meinen Erlebnissen und Diskussionen, an denen ich teilgenommen habe. Also schaltet eure grauen Zellen ein, ich hoffe nämlich, dass ich euch zum Nachdenken anregen kann!

 

Solidarität ja- aber wie?

Das war der Titel der Diskussion letzten Freitag am NDR-Gelände in Hamburg. Gäste dieser Veranstaltung waren Silke Burmester (Publizistin), Christian Mihr (Reporter ohne Grenzen) und Stephan Lamby (Autor & Produzent), während für die Moderation Ulrike Simon (Medienjournalistin) zuständig war. So verschieden die Gäste waren, so unterschiedlich waren auch ihre Meinungen.

Eine der ersten Grundsätze, die man in jeder Journalismus-Ausbildung lernt, ist folgender Satz von Hanns Joachim Friedrichs: „[…]Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.[…]“ Im selben Interview hat sich Hanns Joachim Friedrichs nach längerem Gespräch auf die Frage, ob ihn auch früher schon nachts Bilder von seiner Arbeit heimgesucht haben, folgend geäußert: „Nein, aber ich bin schon mal nachts aufgewacht und hab‘ Angst gehabt, wenn ich da Schreckensmeldungen verbreite von einem furchtbaren Erdbeben in Armenien und ich rufe zur Hilfe auf und tue selbst nichts. Da hab‘ ich denen 20 000 Mark geschickt.“  Könnte man nicht dann behaupten, dass Hanns Joachim Friedrichs sich mit dieser Sache gemein gemacht hat? Oder nicht sogar durch den Journalismus zum Aktivist geworden ist?

Vielleicht sollte ich den Begriff „Aktivist“ grundlegend definieren: Als Aktivist wird eine Person bezeichnet, die in besonders intensiver Weise, mit Aktivismus, für die Durchsetzung bestimmter Ziele eintritt. Nach dieser Definition sind meiner Meinung nach generell alle Journalisten auch Aktivisten. Denn das gemeinsame Ziel ist es, durch publizistische Arbeit, die Leser nach besten Wissen und Gewissen zu informieren oder zu unterhalten. Dass nun Journalisten für die Presse- und Meinungsfreiheit aktiv eintreten, dürfte nun auch keine Überraschung sein.

Aber hat Aktivismus nun etwas in der journalistischen Berichterstattung verloren? Ich finde, das Thema ist sehr komplex und die Frage somit schwer zu beantworten. Denn einerseits sollte Aktivismus auch als dieser gekennzeichnet sein. Aber andererseits muss man als Journalist dennoch die Stelle des „neutralen Berichterstatters“ einnehmen. Aber ich frage mich selbst immer wieder, inwieweit man von „Neutralität“ sprechen kann? Jeder Mensch hat seinen eigenen Bildungs- und Lebensweg hinter sich. Eindrücke, Erlebnisse und Menschen haben uns so geprägt, dass man zu jedem Thema eine Meinung hat oder, nach etwas Recherche, haben kann. Da Journalisten auch Menschen sind, ist es schwer, diese Subjektivität und Meinung bei einer Berichterstattung gänzlich auszublenden.

Natürlich, wenn ich eine Nachricht schreibe, dann konzentriere ich mich auf Fakten und bereite diese dann auch neutral auf. Aber bei Themen wie zum Beispiel Politik immer nur gänzlich neutral zu berichten, langweilt nicht nur Journalisten selbst, sondern mit der Zeit auch die Leser. Ich glaube sehr wohl, dass sich Rezipienten gerne eine fremde Meinung verinnerlichen, auch wenn diese nicht zu der Eigenen passen muss. Andererseits gibt es natürlich auch Themen, wo es unglaublich schwerfällt, in der Rolle des objektiven Berichterstatters zu bleiben. Über Deniz Yücel, der deutsch-türkische Journalist, zu berichten, der auf Grund seiner Arbeit in türkischer Haft sitzt, wäre hierfür ein gutes Bespiel. In diesem Fall als Journalist aktiv zu werden, ist meiner Meinung nach nachvollziehbar. Schließlich geht es um einen Kollegen, der auf Grund seiner Arbeit inhaftiert wurde.

Aber sollte man nun seine private Aktivität als Journalist wirklich unter seinen Artikeln kenntlich machen? Nach dem Schema „Ein Artikel von Melanie, Freizeitaktivistin“? Meine Meinung dazu ist, dass das einen zu großen Einfluss auf die Leser haben würde. Denn es macht einen Unterschied, ob unter einem Artikel nun „Journalist“ oder zum Beispiel „Feminist“ stehen würde. Nicht, dass das etwas schlechtes wäre! Aber irgendwie habe ich das Gefühl, das somit die Glaubwürdigkeit und der kleine Funke Neutralität der Berichterstattung flöten gehen würde.

Selten eine Berufsgruppe, wie die der Journalisten, hat einen so immensen Einfluss auf die Gesellschaft. Deshalb finde ich es auch wiederum wichtig, transparent zu sein. Unter diesem Aspekt wäre es natürlich vom Vorteil anzugeben, für was man auch als Privatperson steht und mit was man sich identifizieren kann. Transparenz steht auch somit für Glaubwürdigkeit, womit ich wieder beim Anfang meines Gedankenganges angekommen wäre.

Wie ihr seht, ist das Thema so komplex, dass ich ehrlich gesagt noch keinen festen Standpunkt dazu beziehen kann. Muss man seine Solidarität gegenüber einem Thema nun kennzeichnen? Oder reicht es, möglichst offen mit dieser Solidarität umzugehen? Übrigens ging es nach dieser Diskussion während der nr-Jahreskonferenz nicht nur mir so, sondern auch dem Großteil der Zuhörer in diesem Raum.

Was denkt ihr darüber? Ist es vielleicht sogar „Betrug“ gegenüber dem Leser, wenn man seinen Aktivismus in seinen Beiträgen quasi „verheimlicht“? Lasst es mich wissen, ich freue mich über konstruktive Nachrichten zum Thema.

Bis nächste Woche,

Melanie