Alltagsgeschichten 3.0

Als Student hat man es grundsätzlich nicht leicht. Ständig wird einem vorgeworfen, dass man faul sei und der Familie nur auf der Tasche liegt. „Studieren ist wie arbeitslos sein, nur das die Eltern stolz sind“, höre ich öfter als „Despacito“ im Radio. Natürlich mag das für den ein oder anderen stimmen, aber den meisten Studenten macht ihr Studium Spaß, und sie investieren viel Zeit und Nerven.

Starke Nerven kann ich auch sehr gut gebrauchen, wenn ich neue Leute kennenlerne und diesen erzähle, dass ich Journalismus studiere. Wenn ich in Österreich bin und gefragt werde, ist es meistens total egal, was ich studiere, sondern wo. Hier zählt nur, wie cool Berlin doch ist und welche „Geheimtipps“ ich preisgeben kann, falls der ein oder andere doch einmal Urlaub machen sollte. In Deutschland sieht so eine Kommunikation ganz anders aus. Von abwertenden Blicken bis mitleidigen Kopfschütteln ist so einiges dabei. Der Begriff „Lügenpresse“ ist dank Mister Trump doch alltagstauglicher als erwartet. Aber nun zur eigentlichen Geschichte:

Vor einigen Wochen musste ich zum Arzt und da ich in Berlin war, suchte ich mir wohl oder übel eine neue Praxis. Nachdem ich schon zwei Stunden im Wartezimmer zwischen hustenden Kindern und jammernden Omas verbracht hatte, war ich endlich dran. Als ich den Behandlungsraum betrat, empfing  mich der Doktor schon mit einem lachenden „Griaß DU!“. Nein, kein Tippfehler, er hat es wirklich so gesagt. Anscheinend ein sprachliches Überbleibsel von seinem letzten Schi-Urlaub in Tirol, welches er auf Grund von zu viel Jägertee nur noch schwammig in Erinnerung hatte. Allein meine Krankenkassen-Karte erinnerte ihn vermutlich wieder an die wohl recht flüssige Zeit. Für mehr als ein trockenes „Hallo“ als Antwort hat meine körperliche Verfassung aber nicht gereicht, was den Arzt aber weniger beirrte. Während er also mit einem Holzmundspatel meinen geröteten Rachen abcheckte, redete er weiter.

Arzt: “ Ich war schon öfter im Urlaub in Österreich. So schön ist es da, allein die Berge. Warum in aller Welt kommen Sie  freiwillig nach Berlin?“

Ich: „Studium.“

Meine Hoffnungen, dass dieses Gespräch somit beendet ist und er mir endlich das Rezept für mein Medikament in die Hand drückt, wurden in Sekunden zerstört. Hätte ich „Staatsbürgerschaft“ gesagt, hätte er vermutlich gelacht und mich in Ruhe gelassen. Aber schlauer ist man bekanntlich immer später.

Arzt: „Lassen Sie mich raten, Medizin studieren Sie hier nicht.“

Ich: „Nein, Journalismus.“

Arzt, wie aus der Pistole geschossen: „Gegen wen?“

Wow, noch eine Reaktion, mit der ich mittlerweile rechnen sollte, aber die mich dann trotzdem eiskalt überrascht. Sehr originell, der Herr Doktor. Das hat auch der Arzt bemerkt, der sein Grinsen kaum verbergen konnte. Auch wenn ich nur mehr ins Bett wollte und keine Lust auf Diskussionen hatte, fiel mir doch noch ein schneller Konter ein.

Ich: „Für alle, und auch speziell für Sie, damit Sie auch in Zukunft jeden Morgen wissen, was auf der Welt passiert ist. Wissen Sie vielleicht, wo die nächste Apotheke ist?“

Anscheinend hat ihn diese Antwort dann doch so verblüfft, dass er den Themenwechsel lächelnd annahm und mir den Weg erklärte. Allerdings rief er mir noch nach, das er mir viel Erfolg im Studium wünsche und er hoffentlich nie einen Artikel in der BILD von mir lesen würde.

Der letzte Satz wäre natürlich auch eine Antwort wert gewesen, aber auf das hatte ich dann  genauso viel Lust wie auf die kommenden Tage, die ich im Bett bleiben musste. Den Arzt werde ich wahrscheinlich nicht mehr sehen, außer eventuell irgendwo in einer Schihütte in Österreich. Dann könnte ich ihn auch fragen, ob er nun für den Patienten oder die Pharmaindustrie arbeitet. Aber das ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte!

Bussi Baba,

Melanie