Alltagsgeschichten 2.0

„Dann such‘ ihn doch einfach auf Facebook!“ Ein gut gemeinter Ratschlag meinerseits, den ich nur allzu oft der einen oder anderen Freundin auf den Weg mitgegeben habe. Grundsätzlich geht es in diesen Gesprächen um Männer, die wir entweder gar nicht kennen oder nur einmal im Leben getroffen haben. „Aber ich kann ihm da nicht einfach so schreiben!“, ist dann der Protest. „Doch klar, weniger peinlich als ihn so anzusprechen.“ 1:0 für mich.

Aber Moment einmal! Habe ich mir in den letzten Jahren eigentlich jemals selbst zugehört? „Weniger peinlich als ihn so anzusprechen“? Was stimmt denn nicht mit mir?

Zurück zu meinen Freundinnen und damit auch indirekt zu mir: Aus Erfahrung wird in solchen Akutfällen recherchiert. Vom Wohnort bis zum Stammbaum und damit zur Blutgruppe: Das Internet weiß alles und vergisst nichts. Dass das „Problem“ mit einer kurzen, zwischenmenschlichen Interaktion aus der Welt geschaffen wäre, interessiert natürlich niemanden. Eigentlich dumm, denn man weiß zwar ziemlich viel über jemanden, aber ob dieser „jemand“ auch Interesse seinerseits aufbringt, weiß man natürlich nicht.

Als 90er-Kind gehört man zum Testmodell der Internetabhängigen. Wenn man mit einem Handy aufwächst, ist es plötzlich ganz komisch sich vorzustellen, wie sich die Leute früher kennengelernt haben. „Hi, du siehst nett aus. Willst du einen Kaffee mit mir trinken gehen?“, unvorstellbar, dass das einst funktioniert hat. Ich meine, natürlich würde es heute auch noch funktionieren. Aber wer macht das noch so?

Ehrlich gesagt, ich bin jedes Mal schwer beindruckt, wenn mich jemand aus dem Nichts einfach so anspricht und ernsthaft Interesse zeigt. Meistens traue ich mich dann gar nicht, abweisend zu sein, weil ich vom Mut der anderen Person echt geblendet bin. Nicht, dass das so oft vorkommen würde. Sagen wir es so: Ich wurde schon öfter angeschrieben als angesprochen. Traurig aus zwei Gründen: Erstens, weil Menschen beim Schreiben immer anders sind, als in der Realität und zweitens, weil ein Gespräch länger in Erinnerung bleibt als eine kurze Textnachricht.

Ich will jetzt auf keinen Fall das Internet als etwas Schlechtes abstempeln. Es gibt schließlich auch viele Leute, die sich genau darüber erst gefunden haben. Aber es macht etwas ganz Normales, also das Kennenlernen einer Person, ganz komisch. Vielleicht sollten wir das altmodische Kennenlernen zu einem neuen Trend machen. Nachdem Choker, Schlaghose und Co. schließlich auch wieder am Markt sind, warum denn nicht?  Und falls jemand einen Rat von mir braucht: Sprich ihn an! Gern geschehen.

Bussi Baba,

Melanie

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