Wir müssen reden… mit Veuve Noire

Veuve Noire ist keine Anfängerin vor der Kamera. Die Posen sitzen gekonnt, die Schokoladenseite immer in Szene gesetzt. Als Travestie-KünstlerIn hat sich Veuve einen Namen gemacht, als Kieztour-Guide und Host der Olivia Jones Bar auf der Großen Freiheit ist sie allerseits bekannt.  Für das Projekt „Deutschland, wir müssen reden!“ des Journalismus-Jahrganges 2015 der DEKRA Hochschule in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene Museum hat sich Veuve gerne Zeit genommen, um auch ihre Ansichten zum Thema Rassismus vor der Kamera zu teilen. Was ihr schon einmal Schlimmes widerfahren ist und was ihr Künstlername bedeutet, lest ihr hier.

Fröhlich winkend und gleichzeitig telefonierend begrüßt uns Veuve Noire am Eingang der Olivia Jones Bar in Hamburg. Es ist erst 17.30 Uhr und auf der Reeperbahn herrscht gähnende Leere. „Der Betrieb fängt heute erst gegen 20 Uhr an! Kommt rein, meine Süßen“, erklärt uns Veuve. Die Olivia Jones Bar selbst ist wie ihre Chefin und deren Mitarbeiter: schrill und originell, jedoch im klassischen rustikalen „Bar-Stil“ gehalten. „Kreativer Denkmalschutz“ heißt es hier. An den Wänden hängen dutzende Fotos von bekannten Persönlichkeiten, die in der Bar schon die eine oder andere Nacht verbracht haben. Auch Bardame Tanna bereitet schon fleißig die Theke vor und begrüßt uns herzlich.

Für unser Kamerateam wurde extra Platz gemacht und so verwandelt sich langsam die Bar in ein Aufnahmestudio. Mit den Stühlen müssen wir improvisieren, und so sitzen Veuve und ich auf Bierkisten. Außerdem sollten wir uns beeilen, denn bereits um 19.00 Uhr beginnt die gut besuchte Kiez-Tour der Drag Queen. Queen ist jedenfalls der passendste Begriff: In einem rot-schwarzen Mantel und mit neuer, raspelkurzer blonder Frisur wirbelt sie durch die Bar und bereitet sich auf das Interview vor. An ihrer Jacke hat sie viele kleine Aids-Schleifen als Anstecker angebracht. Am internationalem Welt-Aids-Tag ein Muss für die Künstlerin.

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Trotz des ernsten Themas sitzt mir eine strahlende Veuve gegenüber. Ihren Humor hat die Drag Queen behalten, auch wenn Homophobie und Rassismus oft in ihrem Alltag vorkommen. In Hamburg auf der Reeperbahn hat sie jedenfalls ihren Platz gefunden: „Jeder soll so sein und leben, wie er möchte. Das sollte eigentlich in ganz Deutschland möglich sein!“

Im Interview erzählt Veuve mir, dass es leider auch schon furchtbare Erlebnisse gab. „Einmal ging ich geschminkt die Straße entlang. Mir pfiffen einige Männer hinterher, was mich natürlich sehr freute“, erzählt sie. Was Veuve aber nicht wusste: Die Männer dachten, es handelt sich um eine Frau und keine Travestie-Künstlerin. „Als die das bemerkt haben musste ich wirklich meine Beine in die Hand nehmen und um mein Leben laufen!“

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Mit dem Künstlernamen „Veuve Noire“ (Bedeutung: „Schwarze Witwe“, die gleichnamige Spinne, die ihre männlichen Artgenossen nach dem Paarungsakt tötet und verspeist) klingt Veuve für Männer doch eigentlich sehr gefährlich. Auf der Olivia-Jones-Seite sagt sie dazu aber nur: „Männer zum Frühstück, Mittag, Abendessen? Gerne! Aber töten? Ich mache doch mein Spielzeug nicht kaputt!“

So wie Veuve kein kaputtes „Spielzeug“ möchte, will sie auch keine kaputte Gesellschaft mehr. „Wir leben im 21. Jahrhundert: Jeder soll das sein, was er möchte!“, ist Veuves finales Statement. Teile des Interviews sind ab Mai 2018 im Deutschen Hygiene Museum Dresden zu sehen in der ersten großen Rassismus-Ausstellung Deutschlands!

Bis zum nächsten Update,

Melanie

P.S.: Du willst jetzt schon jetzt Ausschnitte des Interviews sehen? Oder hast Fragen zum Projekt? Folge uns einfach auf unseren sozialen Medien, wie Facebook, Instagram oder Twitter. Wir freuen uns auf dich!

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Drogen – Alltag in Berlin

„Ich werd doch nicht abhängig wie du. Ich hab mich total unter Kontrolle. Ich probier das mal, und dann ist Schluss.*“ Christiane F., mittlerweile bekannt unter ihrem vollen Namen Christiane Felscherinow, ging mit dem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als eine der bekanntesten Drogensüchtigen in die deutsche Geschichte ein. Mit zwölf machte sie ihre ersten Erfahrungen mit Haschisch, mit dreizehn verfiel sie dem Heroin. Unvorstellbar, dass so ein junges Mädchen eiskalt in die Welt der Drogen eintaucht. Statt sich um Schminke und Klamotten zu sorgen, dreht es sich im Leben des süchtigen Mädchens um die ständige Beschaffung der Droge, die damit verbundene Prostitution und die Angst vor dem Turkey.

Laut einem Artikel des Tagesspiegel starben im Jahr 2015 1226 Menschen am Rauschgiftkonsum. Die Haupttodesursache sei eine Überdosis an Heroin gewesen. Der „goldene Schuss“, wie man es auch nennt. Eine Zunahme des Konsums der harten Drogen lässt sich in den letzten Jahren verzeichnen. So gab es vergangenes Jahr 15 Prozent mehr erstauffällige Konsumenten von Heroin. Dunkelziffer ungewiss.

Berlin gilt als Hauptstadt der Drogenszene und auch, wenn man mit Drogen nichts zu tun haben will, hat man es irgendwie trotzdem. Jeder kennt irgendjemand, der regelmäßig kifft oder auch zu härteren Drogen greift. Gefühlt werden dabei die Dealer immer jünger. „Hey, wanna buy drugs? Drogen? Weed?“- Hunderte Male wird man das täglich in Berlin gefragt. Heutzutage muss man sich theoretisch nicht mehr um Drogen bemühen. Es reicht, das Haus zu verlassen. Die Hotspots der Szene sind allerseits bekannt. Der Kotti, der Görlitzer Park oder die Revaler Straße sind längst keine Geheimtipps mehr. Der Rest erledigt sich von selbst.

Doch wie steht es um unsere Jugend? Ist der Fall von Christiane F. Schnee von gestern und nur ein Einzelbeispiel? Um Antworten auf meine Fragen zu bekommen habe ich bei den verschiedensten Suchtberatungsstellen Berlins angerufen. Schlussendlich landete ich bei Frederik Rühmann, Sozialarbeiter und Projektleiter bei Karuna. Bei Drugstop – Komma – Karuna handelt es sich um eine Suchberatung und Tageseinrichtung für drogenabhängige Jugendliche im Alter von 13 bis 27 Jahren. Die Beratung unterteilt sich in verschiedene Phasen, wobei die Hilfe individuell an den Jugendlichen angepasst wird.

Wie alt sind die meisten Kinder und Jugendlichen, die zu Ihnen in die Einrichtung kommen?

Der Großteil der Jugendlichen ist zwischen 16 und 21 Jahre alt. Wobei es natürlich auch jüngere Fälle gibt.

Welche Droge wird am häufigsten konsumiert?

Größtenteils Cannabis. Jedoch werden auch immer öfter härtere Drogen konsumiert.

Im dem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gilt Heroin als DIE Droge. Hat sich das geändert?

Heroin ist immer noch ein großes Thema. Ich würde sogar behaupten, dass der Konsum in den letzten Jahren wieder zugenommen hat.

Wie finanzieren sich Jugendliche den Konsum?

Diese Suchtmittel sind alle sehr teuer. Hauptsächlich beginnen Jugendliche ihren Konsum durch Diebstahl, Betrug oder Überfälle zu finanzieren. Wenn das nicht mehr reicht spielt dann die Prostitution eine immer größere Rolle.

Also kann man hier vom typischen Straßenstrich ausgehen?

Auch, aber eher läuft die Prostitution sozusagen im Alltag. Über Beziehungen ergeben sich dann Freier. Es kommt auch vor, dass Dealer diese Situationen für Sex nutzen. Pädophile stellen auch manchmal ihre Wohnungen zur Verfügung, wo dann Kinder und Jugendliche vorbeikommen, um Drogen zu nehmen, zu spielen oder dort zu schlafen. Meist zieht sich so etwas über Jahre hinweg und schlussendlich kommt es dann zu sexuellen Handlungen.

Kommen dann die Jugendlichen selbst zu Ihnen und suchen Hilfe oder machen das grundsätzlich die Eltern?

Sowohl als auch.  Jedoch kommt aber auch oft das Jugendamt mit den Jugendlichen zu uns. Das ist von Fall zu Fall verschieden.

Wie viele schaffen die Therapie wirklich?

Da gibt es keine verlässlichen Zahlen. Zum einem ist die Entwöhnung ein langwieriger Prozess, wobei es hier immer viele Rückfälle und Abbrüche geben kann. Das soll aber nicht heißen, dass die Therapie dann kein Erfolg war. Gegebenenfalls benötigen die Jugendlichen viele Anläufe um drogenfrei zu sein. Vor Rückenfällen ist aber niemand geschützt.

Sind es wirklich immer Kinder und Jugendliche, die aus „Problemfamilien“ kommen? Oder sind es auch Jugendliche aus „guten“ Familienverhältnissen?

„Gute Familienverhältnisse“ muss man, wie Sie, unbedingt in Anführungszeichen setzten. Denn kein Jugendlicher entwickelt grundlos ein Suchtverhalten. Es sind auch Jugendliche dabei, die aus der sogenannten bürgerlichen Mitte stammen. Aber man weiß nie, was in den Familien vorgefallen ist. Deshalb, wie gesagt, grundlos entwickelt niemand ein Suchtverhalten.

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis in Ihrer Arbeit als Suchtberater?

Ich darf natürlich keine Details erzählen. Jedoch kann ich sagen, dass es einige Jugendliche gibt, die es schaffen, und in ein normales Leben zurückfinden. Umso trauriger ist es für mich, wenn einige junge Menschen es nicht schaffen, und sich das Leben nehmen. Das ist besonders tragisch, weil man in jedem Jugendlichen Hoffnung hat.

Bei meiner letzten Frage hat sich Frederik Rühmann etwas mehr Zeit gelassen, um die passende Antwort zu finden. Kein einfacher Job, wenn man täglich mit dem Schicksal junger Drogenabhängiger konfrontiert ist. Vor allem dann, wenn die Droge den Kampf gewonnen hat.

Bis zum nächsten Blog,

Melanie

*“Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: Christiane F. zu einem befreundeten Fixer, kurz bevor sie zum ersten Mal Heroin konsumierte (S.82)