Andrej und die 2(2) Richtigen

Mir ist selten etwas peinlich. Denn Peinlichkeit kann nur existieren, wenn man sie zulässt. ABER, dass ich allen Ernstes und ohne mich melodramatisch und mit vollem Körpereinsatz dagegen zu wehren, das „Bachelor-Finale“ auf RTL zur VOLLEN GÄNZE angesehen habe… naja, DAS ist selbst mir unangenehm. Aber zum Glück ist das ja ungefähr so, als würde ich die gekochte Nudelmenge auf die Personenanzahl perfekt abstimmen: Passiert eher so alle Lichtjahre einmal.

Jedenfalls hat der ganze Spaß den Vorteil, dass ich meine immense Bildungslücke gefüllt habe, und nun mein geballtes Wissen einer GANZEN Bachelor-Folge an meine unwissenden Mitmenschen weitergeben kann. Und ja, das kann ich, denn wie in jedem seicht durchdachten RTL-Konzept kann man einsteigen wo man möchte, und wenn man nicht ganz auf der Nudelsuppe daher gerudert ist, kann man der Handlung relativ schnell folgen. Ich trau mich fast zu wetten, dass Professoren solche Sendungen heimlich während Prüfungsaufsichten anschauen, einfach nur um den Hirnleerlauf ihrer Studenten nachvollziehen zu können.

Zurück zum Thema: Hugh Hefner wird sich definitiv einige Male im Grab umgedreht haben. Denn schließlich ist die Idee, dutzende von schönen Frauen auf engsten Raum mit einem Mann zusammenwohnen zu lassen, auf seinem Mist gewachsen. Nur das RTL 22 junge Damen die Zeit begrenzt, und der Mann entscheidet, von wem er sich den Rest seines Lebens die Sudderei anhören will. Ziemlich unfair, aber Hefner hat zu Lebzeiten bestimmt ein Patent auf diese Idee bekommen.

Jedenfalls hat der gute Andrej Mangold, also unser Bachelor, jegliche toxische Maskulinität über Board geworfen und weint gefühlt durchgehend von der ersten Sekunde der Sendung. Viele würden ihn nun als „supersüßen Traumschwiegersohn“ abstempeln, der „ach-die-voll-süßen-Gefühle“ zeigen kann. Hach, romantisch! Dass der einfach nur realisiert hat, dass er nicht weiterhin mit 22 heißen Bräuten, die sich um ihn zanken, auf engsten Raum leben darf, fällt wieder niemanden auf. Oder ihm ist schmerzlich bewusst geworden, dass der scheiß Knebelvertrag mit RTL jetzt erst richtig losgeht. Wie auch immer: ER IST JA SO ROMANTISCH, wie er da am Strand sitzt und wegen nichts heult. Eins muss man ihm lassen, süß und treuherzig sieht er schon aus mit seinen blauen, unterwürfigen Augen und dem „Christian-Grey“-Posing.

Gut, dass da die liebe Mutti ins Spiel kommt, und Andrej bei seiner Frauenauswahl behilflich ist. Der Stiefpapa darf natürlich auch nicht fehlen, ist aber eher nur Zierde und bekundet ganz RTL-Skript-Getreu: „Sie ist eine Frau“ und beschränkt sich auch sonst auf Zwei-Silben-Antworten.  Aber bin ich jetzt die Einzige, die sich schon beim Zusehen fremdgeschämt hat, dass er mit beiden vor den Eltern rummachte? So nach dem Motto: „Grüß euch, ich habe in den letzten paar Wochen mit 22 Mädels gevögelt, die beiden sind halt weiterGEKOMMEN, wenn ihr versteht, was ich meine (hihi). Jetzt kann ich mich nicht entscheiden, und bräuchte eure fachmännische Beurteilung, welche von denen jetzt besser in meinen Instagram Feed passt.“  Tja und als gute Eltern müssen die eben sagen, dass er sich für „die Frau“ entscheiden soll. Für die, die kochen, putzen und waschen kann UND mäglichst schnell Kinder möchte. Ist ja nicht so, als wäre Jenny auch schon 25 und eine Frau. Den einzigen Neider den Andrej jedenfalls hat, ist Stiefpapa Carsten. Der wäre auch nochmal gerne in der Position, wird aber von Mama Monika an der kurzen Leine gehalten. Ich sehe Carsten schon heute im Büro sitzen, und sich hart feiern lassen. Einfach, weil er einmal im Fernsehen zu sehen war. Für was auch immer. „Carsten, aber das nächste Mal grüßte uns alle schön, ja?!“ Er hat es einfach nicht leicht.

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©RTL

Wie dem auch sei, Andrej, unser treuherziger Traumbachelor, ist einfach der geborene, sanftmütige, romantische Rebell. Macht das Gegenteil, was seine Eltern erwarten. Und auch seine Fans vor den Bildschirmen. Hat man mir jedenfalls gesagt. Allein das „J“ in seinem Namen steht für: „Jawohl, ich bin nicht so einer!“

Lange Rede kurzer Sinn: Eva, die „reife Frau“, schmeißt sich ins Brautkleid. Naja, wer weiß, wenn man schon so erwachsen ist, muss man doch mit allem rechnen. Und dass man sich nach der Rosenübergabe direkt heiratet, ist doch auch nicht so weit hergeholt. Sternchen Plus für diese Planung. Nur leider hat Andrej, unser kleiner Liebeskönner, der lieben Eva einen Strich durch die Rechnung gemacht und nimmt Jenny. Einfach so. Pah! Aber Moment: Wo ist bitte die Geschichte? War RTL zu faul, um sich eine Dramaturgie zu überlegen und lässt einfach beide Szenen hintereinander ablaufen? Hä? Hat der Praktikant geschnitten oder was? Und wo bitteschön ist das Drama? Die Anzickerei? WOFÜR SCHAU ICH DIESEN MIST ÜBERHAUPT???

Anscheinend wurden in dieser Staffel sowieso alle Träume und Hoffnungen zerstört: Warum dann nicht gleich meine mit? Danke, sehr nett.

Zusammenfassend endet die ganze Rosenvergabe natürlich mit viel Bussi-Bussi, einer abgefuckten roten Rose und einem „verliebten Paar“ – obwohl Andrej fünf Minuten vorher der guten Eva nochmals seine Liebe gestanden hat, sie aber bestimmt gute Freunde bleiben können. Zweitplatzierte ist eben immer scheiße. Aber Zweitplazierte beim Bachelor ist halt so richtig scheiße, denn summa sumarum ist man doch irgendwie die ein bisschen weniger Fickbare. Irgendwie eben. Aber Eva hat das anscheinend gut weggesteckt (hihi).

Ein bisschen neidisch bin ich jedoch schon. Aber weder auf die Frauen, noch auf den Bachelor, sondern auf Frauke Ludowig! Seelenruhig sitzt sie in ihrem Glitzerkleidchen mit Andrejs heulenden Verflossenen, verweist gefühlt alle fünf Minuten auf die Werbung und muss die alles entscheidende Frage stelle: „Seid ihr nun ein Paar?“ Ein paar nett verdiente Euros zwischendurch, würde ich als Laie mal so behaupten.

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©RTL

Und natürlich sind Jennifer und Andrej ein Paar. Nachdem sie doch das ein oder andere Stündchen in Jennys Wohnung verbracht haben, wo sie sich aber etwas „eingeengt“ gefühlt haben. Klar irgendwie, bei einem Kamerateam von mindestens 3 Leuten und einer 70m² Wohnung. Aber ihr Süßen, ab jetzt bleibt euch eure traute Zweisamkeit, jedenfalls solange, bis euer RTL-Vertrag ausläuft und die Presse nicht mehr interessiert ist. Aber danach gibt es doch immer noch das Dschungelcamp… und dann heult Jenny nicht mehr wegen Andrej, sondern weil sie ein paar Maden schlucken muss. Wieso kann  Scripted Reality nicht immer so vorhersehbar sein?

Bis bald, mit hoffentlich RTL-freien Content,

Melanie

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Auf anderen Wegen

„Kunst, würde ich sagen.“

„Halts Maul, Max!“

Beide standen wir vor meinem roten Golf. Wie gerne wäre ich jetzt wo anders. Frankreich, Italien, Südkorea – alles wäre besser als dieser beschissene Wald.

„Frauen gehören eben doch besser in die Küche als hinter das Steuer“, schulterzuckend fährt er mit seiner Hand über die Beifahrertür. Der rote Lack ist komplett abgekratzt. Der Türgriff lässt sich nur mehr durch ein paar lose Schrauben erraten. Die ganze vordere, rechte Seite des Autos ist eingedrückt und der Spiegel liegt wahrscheinlich nun irgendwo unter dem Wagen. Allein die Fensterscheibe sieht noch recht intakt aus, von der dünnen Staubschicht mal abgesehen.

„Arschloch!“, zische ich leise. Die Tränen brennen in meinen Augen. Wie um alles in der Welt sollen wir nun nach Hause kommen? Mein prüfender Blick auf das Handy verrät: Ein Telefonat hier gleicht einem Weltwunder. Das wir noch leben auch.

Max steht vor der geöffneten Motorhaube. Seine gekräuselte Stirn verrät nichts Gutes.

„Weißt du eigentlich, was du hier tust?“, frage ich ihn. Etwas schadenfroh bin ich doch. Der ach so selbstbewusste Max sieht im Moment aus wie ein kleines Kind. Nur sein dichter Bart gibt ihm doch seine 25 Jahre zurück. Wenigstens optisch.

„Es ist jedenfalls nicht meine Schuld“, kontert er pampig.

Für einen kurzen Moment dachte ich sogar, dass er gut aussieht. Hat sich aber nun doch wieder erledigt. Max war schon immer so. Das Einzige, was uns verbindet, ist das kleine Dorf, in dem wir beide aufgewachsen sind. Manchmal frage ich mich wirklich, wie man ernsthaft in einem 600 Seelendorf fern weg der Zivilisation leben kann. Dann fällt mir wieder ein, dass ich es tue.

„Jetzt hör schon auf zu heulen und hilf mir besser!“

Wütend wische ich mir die Tränen von den Wangen. Warum muss eigentlich ich mit dem größten Vollidioten hier festsitzen? „Selbst schuld“, denke ich mir. Wenn man sich beim Rauchen erwischen lässt, muss man damit rechnen, dass man den Sohn der Nachbarin in die nächste Stadt fahren muss. Alles besser als eine Strafpredigt von meinen Eltern.

Dass ich aber immer auf supercool vor Max machen muss, und deshalb die Kurve etwas zu schnell genommen habe, ist nun wirklich nur auf meinem Mist gewachsen. Ich unterdrücke die Tränen, merke aber, dass meine Stimme versagt.

„Max?“

„Hmm?“, er streckt den Kopf kurz hinter der Motorhaube hervor.

„Glaubst du, wir müssen hier übernachten?“

„Ich würde lieber frontal gegen diesen Felsen laufen als mit dir hier zu übernachten.“

Danke dafür. Warum ist Max eigentlich so gemein zu mir? Ich habe ihm nie etwas getan. Na gut, das Haarbüschel, das ich ihm im Kindergarten ausgerissen habe, wird er mir heute wohl verziehen haben.

„Komm, beweg dich, wir müssen nach Hause laufen“, ohne sich einmal umzudrehen, stampfte Max los.

„Bist du wahnsinnig?“

„Ich lasse dich auch alleine hier stehen, ist mir egal!“

Da es langsam dunkel wird, riskiere ich es lieber nicht und tänzle ihm mit meiner Tasche unter dem Arm hinterher. War eine super Idee, meine neuen Stiefletten mit Absatz anzuziehen.

„Willst du dir was brechen oder ziehst du die hässlichen Dinger noch aus?“

„Ich kann dich damit heute noch erstechen, wenn du willst“, gifte ich zurück. Lieber breche ich mir alle Gliedmaßen als zuzugeben, dass ich auf diesen Schuhen nicht laufen kann. Schon gar nicht auf dem matschigen Waldboden.

„Wo gehen wir eigentlich hin?“, frage ich, um das Thema zu wechseln.

„Nach Hause.“

Vor meinem inneren Auge sehe ich schon die morgige Vermisstenanzeige in der Zeitung.

„Finden wir zurück?“

„Zur nächsten Straße bestimmt.“

„Es ist dunkel, Max.“

„Und du bist eine Heulsuse!“

Ich verkneife mir meine Antwort. Das letzte, was ich gerade brauchen kann, ist ein unnötiger Streit. Unauffällig fummle ich in meiner Tasche rum. Ich ertaste das angenehm glatte Material meiner Zigarettenpackung und öffne sie noch in der Tasche. Gekonnt ziehe ich eine heraus und zünde sie im Gehen an. Das mir bei jedem Schritt der Absatz im Boden stecken bleibt, versuche ich zu überspielen.

„Gib mir auch eine.“

„DU rauchst?“

„Ja, aber ich bin nicht so dumm und lasse mich erwischen.“

Am liebsten hätte ich ihm die Packung an den Kopf geworfen. Als ich im das Feuerzeug gebe, berühren sich unsere Hände für einen kurzen Moment. Er erstarrt und sieht mir in die Augen.  In der Dunkelheit des Waldes spüre ich seinen Blick auf mir ruhen.

„Ähm… zündest du sie dir an oder willst du sie essen?“, lenke ich ab.

Max‘ Blick bleibt standhaft. Langsam zündet er sich die Zigarette an und sieht mir direkt in die Augen.

„Du hast voll schöne Augen, ist mir nie aufgefallen“, sagt er nach einer Weile.

„Danke, aber wir sollten weiter. Ich will hier nicht erfrieren.“

Schnell drehe ich mich um und stampfe weiter. War das gerade ein Flirtversuch? Der Idiot. Außerdem ist es verdammt kalt. War das gerade eine Schneeflocke?

„Hast du hier Netz?“, fragt Max.

„Scheiße, ja!“, zum zweiten Mal an diesem Tag bin ich den Tränen nahe.

„Heulst du jetzt oder telefonierst du endlich?“, da war er wieder, der alte Max.

„Warum rufst du eigentlich niemanden an?“

„Ich habe keinen Akku mehr, also mach schon.“

Nach vier missglückten Versuchen erreiche ich endlich meinen Vater. Erfreut ist er nicht, aber wer wäre das schon, wenn man um halb 12 Uhr aus dem Bett geklingelt wird.

„Und? Holt er uns ab?“

„Ja, wir müssen zum Auto zurück“, kaum habe ich den Satz ausgesprochen, drehe ich mich um und laufe los.

„Falsche Richtung, Prinzessin!“, grinsend zieht er mich am Gürtel meiner Jacke zurück.

„Sag noch einmal Prinzessin zu mir und du wirst bald eine sein“, keife ich ihn an.

Langsam drehe ich mich um, meinen Gürtel hat er noch immer fest in seiner Hand.

„Lässt du mich bitte los?“

„Ungerne“, antwortet Max.

Er zieht mich zu sich und ich kann mich nicht wehren. Will ich mich eigentlich wehren? Er riecht so gut. Irgendwie nach Vanille. Oder doch Zimt? Egal, ich wehre mich nicht mehr, sondern genieße die Umarmung.

„Max?“

„Hmm?“

„Was…?“

„Sei einfach leise!“, unterbricht er mich und zieht mich noch näher zu sich in der Dunkelheit des Waldes.