Auf anderen Wegen

„Kunst, würde ich sagen.“

„Halts Maul, Max!“

Beide standen wir vor meinem roten Golf. Wie gerne wäre ich jetzt wo anders. Frankreich, Italien, Südkorea – alles wäre besser als dieser beschissene Wald.

„Frauen gehören eben doch besser in die Küche als hinter das Steuer“, schulterzuckend fährt er mit seiner Hand über die Beifahrertür. Der rote Lack ist komplett abgekratzt. Der Türgriff lässt sich nur mehr durch ein paar lose Schrauben erraten. Die ganze vordere, rechte Seite des Autos ist eingedrückt und der Spiegel liegt wahrscheinlich nun irgendwo unter dem Wagen. Allein die Fensterscheibe sieht noch recht intakt aus, von der dünnen Staubschicht mal abgesehen.

„Arschloch!“, zische ich leise. Die Tränen brennen in meinen Augen. Wie um alles in der Welt sollen wir nun nach Hause kommen? Mein prüfender Blick auf das Handy verrät: Ein Telefonat hier gleicht einem Weltwunder. Das wir noch leben auch.

Max steht vor der geöffneten Motorhaube. Seine gekräuselte Stirn verrät nichts Gutes.

„Weißt du eigentlich, was du hier tust?“, frage ich ihn. Etwas schadenfroh bin ich doch. Der ach so selbstbewusste Max sieht im Moment aus wie ein kleines Kind. Nur sein dichter Bart gibt ihm doch seine 25 Jahre zurück. Wenigstens optisch.

„Es ist jedenfalls nicht meine Schuld“, kontert er pampig.

Für einen kurzen Moment dachte ich sogar, dass er gut aussieht. Hat sich aber nun doch wieder erledigt. Max war schon immer so. Das Einzige, was uns verbindet, ist das kleine Dorf, in dem wir beide aufgewachsen sind. Manchmal frage ich mich wirklich, wie man ernsthaft in einem 600 Seelendorf fern weg der Zivilisation leben kann. Dann fällt mir wieder ein, dass ich es tue.

„Jetzt hör schon auf zu heulen und hilf mir besser!“

Wütend wische ich mir die Tränen von den Wangen. Warum muss eigentlich ich mit dem größten Vollidioten hier festsitzen? „Selbst schuld“, denke ich mir. Wenn man sich beim Rauchen erwischen lässt, muss man damit rechnen, dass man den Sohn der Nachbarin in die nächste Stadt fahren muss. Alles besser als eine Strafpredigt von meinen Eltern.

Dass ich aber immer auf supercool vor Max machen muss, und deshalb die Kurve etwas zu schnell genommen habe, ist nun wirklich nur auf meinem Mist gewachsen. Ich unterdrücke die Tränen, merke aber, dass meine Stimme versagt.

„Max?“

„Hmm?“, er streckt den Kopf kurz hinter der Motorhaube hervor.

„Glaubst du, wir müssen hier übernachten?“

„Ich würde lieber frontal gegen diesen Felsen laufen als mit dir hier zu übernachten.“

Danke dafür. Warum ist Max eigentlich so gemein zu mir? Ich habe ihm nie etwas getan. Na gut, das Haarbüschel, das ich ihm im Kindergarten ausgerissen habe, wird er mir heute wohl verziehen haben.

„Komm, beweg dich, wir müssen nach Hause laufen“, ohne sich einmal umzudrehen, stampfte Max los.

„Bist du wahnsinnig?“

„Ich lasse dich auch alleine hier stehen, ist mir egal!“

Da es langsam dunkel wird, riskiere ich es lieber nicht und tänzle ihm mit meiner Tasche unter dem Arm hinterher. War eine super Idee, meine neuen Stiefletten mit Absatz anzuziehen.

„Willst du dir was brechen oder ziehst du die hässlichen Dinger noch aus?“

„Ich kann dich damit heute noch erstechen, wenn du willst“, gifte ich zurück. Lieber breche ich mir alle Gliedmaßen als zuzugeben, dass ich auf diesen Schuhen nicht laufen kann. Schon gar nicht auf dem matschigen Waldboden.

„Wo gehen wir eigentlich hin?“, frage ich, um das Thema zu wechseln.

„Nach Hause.“

Vor meinem inneren Auge sehe ich schon die morgige Vermisstenanzeige in der Zeitung.

„Finden wir zurück?“

„Zur nächsten Straße bestimmt.“

„Es ist dunkel, Max.“

„Und du bist eine Heulsuse!“

Ich verkneife mir meine Antwort. Das letzte, was ich gerade brauchen kann, ist ein unnötiger Streit. Unauffällig fummle ich in meiner Tasche rum. Ich ertaste das angenehm glatte Material meiner Zigarettenpackung und öffne sie noch in der Tasche. Gekonnt ziehe ich eine heraus und zünde sie im Gehen an. Das mir bei jedem Schritt der Absatz im Boden stecken bleibt, versuche ich zu überspielen.

„Gib mir auch eine.“

„DU rauchst?“

„Ja, aber ich bin nicht so dumm und lasse mich erwischen.“

Am liebsten hätte ich ihm die Packung an den Kopf geworfen. Als ich im das Feuerzeug gebe, berühren sich unsere Hände für einen kurzen Moment. Er erstarrt und sieht mir in die Augen.  In der Dunkelheit des Waldes spüre ich seinen Blick auf mir ruhen.

„Ähm… zündest du sie dir an oder willst du sie essen?“, lenke ich ab.

Max‘ Blick bleibt standhaft. Langsam zündet er sich die Zigarette an und sieht mir direkt in die Augen.

„Du hast voll schöne Augen, ist mir nie aufgefallen“, sagt er nach einer Weile.

„Danke, aber wir sollten weiter. Ich will hier nicht erfrieren.“

Schnell drehe ich mich um und stampfe weiter. War das gerade ein Flirtversuch? Der Idiot. Außerdem ist es verdammt kalt. War das gerade eine Schneeflocke?

„Hast du hier Netz?“, fragt Max.

„Scheiße, ja!“, zum zweiten Mal an diesem Tag bin ich den Tränen nahe.

„Heulst du jetzt oder telefonierst du endlich?“, da war er wieder, der alte Max.

„Warum rufst du eigentlich niemanden an?“

„Ich habe keinen Akku mehr, also mach schon.“

Nach vier missglückten Versuchen erreiche ich endlich meinen Vater. Erfreut ist er nicht, aber wer wäre das schon, wenn man um halb 12 Uhr aus dem Bett geklingelt wird.

„Und? Holt er uns ab?“

„Ja, wir müssen zum Auto zurück“, kaum habe ich den Satz ausgesprochen, drehe ich mich um und laufe los.

„Falsche Richtung, Prinzessin!“, grinsend zieht er mich am Gürtel meiner Jacke zurück.

„Sag noch einmal Prinzessin zu mir und du wirst bald eine sein“, keife ich ihn an.

Langsam drehe ich mich um, meinen Gürtel hat er noch immer fest in seiner Hand.

„Lässt du mich bitte los?“

„Ungerne“, antwortet Max.

Er zieht mich zu sich und ich kann mich nicht wehren. Will ich mich eigentlich wehren? Er riecht so gut. Irgendwie nach Vanille. Oder doch Zimt? Egal, ich wehre mich nicht mehr, sondern genieße die Umarmung.

„Max?“

„Hmm?“

„Was…?“

„Sei einfach leise!“, unterbricht er mich und zieht mich noch näher zu sich in der Dunkelheit des Waldes.

 

 

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2 Kommentare zu „Auf anderen Wegen

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