Drogen – Alltag in Berlin

„Ich werd doch nicht abhängig wie du. Ich hab mich total unter Kontrolle. Ich probier das mal, und dann ist Schluss.*“ Christiane F., mittlerweile bekannt unter ihrem vollen Namen Christiane Felscherinow, ging mit dem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ als eine der bekanntesten Drogensüchtigen in die deutsche Geschichte ein. Mit zwölf machte sie ihre ersten Erfahrungen mit Haschisch, mit dreizehn verfiel sie dem Heroin. Unvorstellbar, dass so ein junges Mädchen eiskalt in die Welt der Drogen eintaucht. Statt sich um Schminke und Klamotten zu sorgen, dreht es sich im Leben des süchtigen Mädchens um die ständige Beschaffung der Droge, die damit verbundene Prostitution und die Angst vor dem Turkey.

Laut einem Artikel des Tagesspiegel starben im Jahr 2015 1226 Menschen am Rauschgiftkonsum. Die Haupttodesursache sei eine Überdosis an Heroin gewesen. Der „goldene Schuss“, wie man es auch nennt. Eine Zunahme des Konsums der harten Drogen lässt sich in den letzten Jahren verzeichnen. So gab es vergangenes Jahr 15 Prozent mehr erstauffällige Konsumenten von Heroin. Dunkelziffer ungewiss.

Berlin gilt als Hauptstadt der Drogenszene und auch, wenn man mit Drogen nichts zu tun haben will, hat man es irgendwie trotzdem. Jeder kennt irgendjemand, der regelmäßig kifft oder auch zu härteren Drogen greift. Gefühlt werden dabei die Dealer immer jünger. „Hey, wanna buy drugs? Drogen? Weed?“- Hunderte Male wird man das täglich in Berlin gefragt. Heutzutage muss man sich theoretisch nicht mehr um Drogen bemühen. Es reicht, das Haus zu verlassen. Die Hotspots der Szene sind allerseits bekannt. Der Kotti, der Görlitzer Park oder die Revaler Straße sind längst keine Geheimtipps mehr. Der Rest erledigt sich von selbst.

Doch wie steht es um unsere Jugend? Ist der Fall von Christiane F. Schnee von gestern und nur ein Einzelbeispiel? Um Antworten auf meine Fragen zu bekommen habe ich bei den verschiedensten Suchtberatungsstellen Berlins angerufen. Schlussendlich landete ich bei Frederik Rühmann, Sozialarbeiter und Projektleiter bei Karuna. Bei Drugstop – Komma – Karuna handelt es sich um eine Suchberatung und Tageseinrichtung für drogenabhängige Jugendliche im Alter von 13 bis 27 Jahren. Die Beratung unterteilt sich in verschiedene Phasen, wobei die Hilfe individuell an den Jugendlichen angepasst wird.

Wie alt sind die meisten Kinder und Jugendlichen, die zu Ihnen in die Einrichtung kommen?

Der Großteil der Jugendlichen ist zwischen 16 und 21 Jahre alt. Wobei es natürlich auch jüngere Fälle gibt.

Welche Droge wird am häufigsten konsumiert?

Größtenteils Cannabis. Jedoch werden auch immer öfter härtere Drogen konsumiert.

Im dem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gilt Heroin als DIE Droge. Hat sich das geändert?

Heroin ist immer noch ein großes Thema. Ich würde sogar behaupten, dass der Konsum in den letzten Jahren wieder zugenommen hat.

Wie finanzieren sich Jugendliche den Konsum?

Diese Suchtmittel sind alle sehr teuer. Hauptsächlich beginnen Jugendliche ihren Konsum durch Diebstahl, Betrug oder Überfälle zu finanzieren. Wenn das nicht mehr reicht spielt dann die Prostitution eine immer größere Rolle.

Also kann man hier vom typischen Straßenstrich ausgehen?

Auch, aber eher läuft die Prostitution sozusagen im Alltag. Über Beziehungen ergeben sich dann Freier. Es kommt auch vor, dass Dealer diese Situationen für Sex nutzen. Pädophile stellen auch manchmal ihre Wohnungen zur Verfügung, wo dann Kinder und Jugendliche vorbeikommen, um Drogen zu nehmen, zu spielen oder dort zu schlafen. Meist zieht sich so etwas über Jahre hinweg und schlussendlich kommt es dann zu sexuellen Handlungen.

Kommen dann die Jugendlichen selbst zu Ihnen und suchen Hilfe oder machen das grundsätzlich die Eltern?

Sowohl als auch.  Jedoch kommt aber auch oft das Jugendamt mit den Jugendlichen zu uns. Das ist von Fall zu Fall verschieden.

Wie viele schaffen die Therapie wirklich?

Da gibt es keine verlässlichen Zahlen. Zum einem ist die Entwöhnung ein langwieriger Prozess, wobei es hier immer viele Rückfälle und Abbrüche geben kann. Das soll aber nicht heißen, dass die Therapie dann kein Erfolg war. Gegebenenfalls benötigen die Jugendlichen viele Anläufe um drogenfrei zu sein. Vor Rückenfällen ist aber niemand geschützt.

Sind es wirklich immer Kinder und Jugendliche, die aus „Problemfamilien“ kommen? Oder sind es auch Jugendliche aus „guten“ Familienverhältnissen?

„Gute Familienverhältnisse“ muss man, wie Sie, unbedingt in Anführungszeichen setzten. Denn kein Jugendlicher entwickelt grundlos ein Suchtverhalten. Es sind auch Jugendliche dabei, die aus der sogenannten bürgerlichen Mitte stammen. Aber man weiß nie, was in den Familien vorgefallen ist. Deshalb, wie gesagt, grundlos entwickelt niemand ein Suchtverhalten.

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis in Ihrer Arbeit als Suchtberater?

Ich darf natürlich keine Details erzählen. Jedoch kann ich sagen, dass es einige Jugendliche gibt, die es schaffen, und in ein normales Leben zurückfinden. Umso trauriger ist es für mich, wenn einige junge Menschen es nicht schaffen, und sich das Leben nehmen. Das ist besonders tragisch, weil man in jedem Jugendlichen Hoffnung hat.

Bei meiner letzten Frage hat sich Frederik Rühmann etwas mehr Zeit gelassen, um die passende Antwort zu finden. Kein einfacher Job, wenn man täglich mit dem Schicksal junger Drogenabhängiger konfrontiert ist. Vor allem dann, wenn die Droge den Kampf gewonnen hat.

Bis zum nächsten Blog,

Melanie

*“Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: Christiane F. zu einem befreundeten Fixer, kurz bevor sie zum ersten Mal Heroin konsumierte (S.82)

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